Furry Tales
Die Haut der anderen: Eins semantisches Doppelspiel
Wer aufgrund der phonetischen Nähe zu den „Fairy Tales“ oder der mit „Once upon a time“ betitelten Sammlung des zeichnerischen Frühwerks der Künstlerin Märchenhaftes erwartet, geht – wie gewünscht – einem semantischen Doppelspiel auf den Leim. Jegliche kindliche erzählerische Ebene wird direkt durch die haptische Realität des Pelzes aufgebrochen. Pelz – nicht nur ein Material des Luxus, sondern auch das erste Gewand der Menschheit; die schützende Hülle eines Mängelwesens, das ohne die geraubte Haut anderer Kreaturen in der Natur nicht überlebensfähig gewesen wäre. In Légrádys Werk wird dieser Ur-Schutzraum jedoch pervertiert: Nicht ein um das nackte Überleben kämpfender Mensch oder etwa Sacher-Masochs autoritäre Venus sucht Schutz im Pelz, sondern ein rustikales Tötungswerkzeug.
Die Dialektik von Schutz und Gefahr: Das „falsche Selbst“
Durch das Überziehen der ikonischen „Pineapple“-Granaten mit Edelpelzen wird jene kognitive und haptische Dissonanz geschaffen, die Légrádys OEuvre prägt: Die Kälte des Stahls und die Perfektion der Brutalität verschwinden unter einer schmeichelnden, warmen, luxuriösen Oberfläche. Diese Transformation führt das surrealistische Erbe einer Meret Oppenheim konsequent in die geopolitische Gegenwart und materialisiert gleichzeitig Winnicotts Konzept des „falschen Selbst“. Die Granate wird so zum pervertierten Transitionsobjekt, einem kuscheligen Ersatz für Sicherheit, der jedoch in seinem Kern im Gegensatz zur Pelzmode nicht nur sozialen Sprengstoff birgt. Légrády bleibt ihrem Herausstellen unbequemer Wahrheiten treu: Der Mensch schmückt sich mit dem Schönen, um die Gewaltsamkeit seiner Existenz zu camouflieren. Der Pelz dient als ästhetischer Puffer, der die gewaltsame Realität erträglicher und konsumierbar macht.
Das moralische Bestiarium: Supermodels und Doppelmoral
Furry Tales fungieren daher ebenso als Spiegel unserer gesellschaftlichen Doppelmoral. Während der Diskurs um den Pelzhandel oft von lautstarker moralischer Entrüstung getragen wird, bleibt die industrielle Verwertung anderer Tierarten ein geräuscharmer Hintergrundprozess unseres Wohlstands. Légrády stellt hier nebenbei die unbequeme Frage nach der Hierarchie des Lebens: Warum triggert die elegante Dame oder die Granate im Nerzpelz unseren moralischen Reflex so viel heftiger als die strukturelle Gewalt globaler Produktionsketten? Die Künstlerin entlarvt den Pelz als ein Symbol der zivilisatorischen Mimikry. Der Mensch, der sich einst gegen die Elemente schützte, ist heute selbst zum gefährlichsten Element geworden – eine Spezies, die ihre Raubtiernatur hinter edlen Stoffen verbirgt, während sie gleichzeitig immer effizientere Werkzeuge der Vernichtung perfektioniert. Eine besondere konzeptionelle Schärfe erhält die Serie durch die Benennung der ersten Exemplare nach den Supermodels der 90er Jahre – wie Claudia oder Naomi. Diese Nomenklatur verknüpft die tödlichen Objekte mit der Welt des extremen Glamours und der medialen Objektifizierung.
Memento des Abgrunds
Furry Tales sind keine glücklichen Geschichten. Es sind Erzählungen über die Bestie Mensch, die ihre eigene Verletzlichkeit und Unvollkommenheit durch Aggression kompensiert. In der Verbindung von animalischem Fell und hochtechnisierter Waffe zeigt Légrády, dass unsere Zivilisation noch immer lediglich durch eine dünne Schicht von dem tiefen, archaischen Abgrund getrennt wird, dem wir in einem Jahrhunderte währenden zivilisatorischen Prozess zu entwachsen versuchen. Der Pelz ist hier keine elementare Notwendigkeit mehr und auch
keine bloße Trophäe, sondern ein Memento unserer eigenen Gefährlichkeit – für die Natur, für das Tier und letztlich für uns selbst. Brauchte der Mensch den Pelz früher zum nackten Überleben, dient er ihm heute nur noch der Eitelkeit und Maskerade, was ihn aus dieser Perspektive umso verachtenswerter erscheinen lässt. Ironischerweise scheitert der Mensch – wie so oft – bei dem Versuch über seine wahre Natur hinwegzutäuschen, da die gewählte Tarnkappe in sich selbst ein Zeugnis der Gewalt ist.










