Bombs & Candies
Wie hässlich ist die Wahrheit?
„Dulce et decorum est pro patria mori“ - „Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben.“ Mit diesem antiken Leitsatz des Horaz beginnt die Propaganda des Krieges. Die Serie „Bombs and Candies“ nimmt das zynische Versprechen beim Wort, nicht jedoch ohne eine signifikante Verschiebung vorzunehmen: Das „Ehrenvolle“ (decorum) sucht man ebenso vergebens wie gern bemühte moralische Rechtfertigungen. Die ethische Dimension löst sich auf.
Zurück bleibt ein perfekt inszeniertes Werkzeug der Gewalt - in seiner ganzen inhärenten Perfektion und seiner unheimlich ansprechenden Ästhetik. Dieses Tötungsinstrument wird mit den unschuldigen Insignien der Verführung überzogen: Es sind farbenfrohe Schokolinsen, Zuckerblüten und High-Gloss-Lack, die mit ihrer glatten und glasierten Erscheinung die Verwerfungen und Monstrositäten der Zivilisation in das „liebliche Kleid des Konsums“ hüllen.
Wir fühlen uns angezogen von diesen Objekten, die viel mehr sind als bloße Utensilien der Gewalt. Sie sind die Zeitzeugen und Wegbereiter jener Gewalt und Macht, die nicht etwa das Gegenteil, sondern vielmehr Teil des Erfolgsrezeptes fortbestehender (Hoch-)Kultur und Zivilisation in Gegenwart und Vergangenheit ist.
Nietzsche und der ästhetische Schutzschild
Diese unangenehme Wahrheit gilt es optisch ansprechend zu verpacken - als Augenschmaus für Jung und Alt. Nietzsche begreift den Sinn der Kunst als Schutzmechanismus des zivilisierten Menschen vor einer unbequemen Realität: „Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“
Ein Gedanke, den die Serie „Bombs and Candies“ nur zu treffend visualisiert. Um die Gewalt, die unseren Wohlstand sichert, in unserer luxuriösen Lebenswelt zu ertragen, benötigen wir die Kunst (das Design, die Süßigkeit) als ästhetischen Puffer. Es werden „Hohlporträts“ der Realität geschaffen, in denen die Gewalt durch ihre eigene Ästhetisierung konsumierbar gemacht wird. Hinter ihrem ästhetischen Schutzschild werden die Waffen zu Fetischobjekten, die so allzugänglich und begehrenswert erscheinen, als entstammten sie direkt der unbeschwerten Konsumwelt der sie verzierenden Süßwaren.
Die Dialektik des Konsums: Süße Gewalt und globale Ausbeutung
Bei „Bombs & Candies“ sind die zur Zierde der Waffen gewählten ikonischen Schokolinsen in ihren warmen Farbtönen weit mehr als bunte Pop-Art-Pixel. Als Sinnbilder der Massenprodukte globaler Konsumgiganten, die den Wohlstand der globalen Wirtschaftsmächte sichern, verleihen sie der Serie eine politische Dimension.
In diesen unschuldigen Freudenspendern manifestiert sich die Doppelmoral der industriestaatlichen Hegemonie mitsamt ihrer kolonialen Kontinuitäten: Verzehren wir uns doch - wortwörtlich - nach den Rohstoffen und Bodenschätzen der Regionen der Welt, die wir zu unseren Partnern gemacht haben bei der Sicherung unseres Lebensstandards. Eine Partnerschaft, die im Schatten des „friedlichen Handels“ gedeihen kann, da die Gesellschaften der Partner durch strukturelle Gewalt und gezielte Einflussnahme in konstanter Unruhe gehalten werden.
Die zynische Allianz aus Waffe und Süßware hat etwas Symbiotisches und steht zugleich für eine unheimliche Zirkularität: Eine Gefährdung unserer Gier nach Genuss, Lust und Dominanz dulden wir nicht, und wir begegnen ihr mit einer moralischen Flexibilität, die unserem zivilisatorischen Wertekanon so gar nicht entsprechen möchte. Wir sind ebenso erfahren in der Produktion, wie auch in der Finanzierung und der Lieferung ebenjener Tötungswerkzeuge, die hier geschmückt werden mit den Früchten, die wir durch ihren zielgerichteten Einsatz ernten. Die bunten Dragees auf den Waffen markieren somit genau jene Schnittstelle, an der der süße Profit und die globale Ausbeutung untrennbar verschmelzen - wie die Schokolinsen mit ihrem Überzug und die Waffen mit ihren farbenfrohen Tarnkappen.
Der ästhetische Überfall
Diese Strategie gleicht einem „ästhetischen Überfall“ auf unsere mentale Integrität, der uns unmittelbar mit der moralischen Verfassung unserer Zivilisation konfrontiert. Die bunten Dragees auf den Maschinengewehren fungieren als aggressive Pixel, die den Glauben an klare Oppositionen wie Gut und Böse zersetzen.
Wir werden in eine kognitive Dissonanz gezwungen: Das Werk bestätigt Arturo Schwarz’ These vom „Triumph des Lustprinzips über das Realitätsprinzip“. Légrády gibt uns die Waffe als Beweisstück einer Gesellschaft zurück, die bereit ist, ihre eigene gewaltsame Grundlage zu akzeptieren - solange sie nur süß genug schmeckt.










